3. Die Folgen

3.1 Die Folgen in der DDR

Der Volksaufstand zeigte deutlich, dass die von der UdSSR errichtete SED-Diktatur nur durch Waffengewalt und Terror entstanden war und auch nur mit diesen Mitteln aufrecht erhalten werden konnte. Nach der Niederschlagung des Aufstandes und der Verfolgung dessen Anführer, verbreitete das ZK (Zentral Komitee) der SED ihre Version der Vorkommnisse:

Es habe sich um einen "faschistischen Putschversuch" gehandelt, eine "Konterrevolution", gesteuert von westdeutschen und amerikanischen Politikern aus Westberlin. "Durch ihre Agenten und andere gekaufte Subjekte, die vor allem von Westberlin aus massenhaft in die DDR eingeschleust wurden, gelang es den aggressiven Kräften des deutschen und des amerikanischen Monopolkapitals, in der Hauptstadt Berlin und einigen Orten der Republik Teile der Bevölkerung zur Arbeitsniederlegung und zu Demonstrationen zu bewegen. Am 16. und 17. Juni zogen Tausende faschistischer Schläger sowie viele irregeleitete Westberliner Jugendliche in organisierten Gruppen über die Sektorengrenze, verteilten Flugblätter und setzten Warenhäuser der HO und andere Gebäude am Potsdamer Platz in Brand. [...] Insgesamt kam es jedoch nur in 272 von den etwa 10'000 Gemeinden der DDR zu Unruhen, und zwar nur dort, wo die imperialistischen Geheimdienste ihre Stützpunkte hatten oder wohin sie Agenten schicken konnten" (Doernberg, S. 239 und 241).

Mit aller Härte wurde gegen die Anführer der Demonstrationen vorgegangen. Fast 1400 Personen wurden verhaftet. Doch man ging sogar noch weiter: Am Nachmittag des 18. Juni gab der sowjetische Stadtkommandant von Ost-Berlin die standrechtliche Erschiessung des West-Berliners Willi Göttling bekannt, welcher angeblich aktiv an den Unruhen beteiligt gewesen war.

In der SED folgte eine "Reinigung von feindlichen Elementen", angeordnet von den Sowjets, die kein weiteres Risiko eingehen wollten. Dabei wurden die Gegner von Ulbricht, Zaisser und Herrnstadt aus der SED ausgeschlossen und somit Ulbrichts Position gestärkt. Zudem wurden noch weitere Mitglieder ausgeschlossen, denen man Passivität oder sozialdemokratische Ansichten vorwarf. Insgesamt wurden auf diese Weise über 60 Prozent der gewählten SED-Bezirksleitungen bis 1954 ausgeschlossen. Dass Volk machte dazumal die bittere Erfahrung, dass der Versuch einer gewaltsamen Veränderung des politischen Systems solange keine Aussicht auf Erfolg hat, wie die UdSSR das Regime in der DDR in den Händen hält.

Trotz allem übte die SED auch vage Selbstkritik. So gab zum Beispiel Ulbricht auf der 15. Tagung des ZK der SED zu: "Schonungslos müssen wir feststellen: Die Provokationen am 17. Juni haben die Partei überrascht" (Ulbricht, S. 70). Auch schon an der 14. ZK-Tagung am 21. Juni legte die SED ein Schuldbekenntnis ab: "Wenn Massen von Arbeitern die Partei nicht verstehen, ist die Partei schuld, nicht der Arbeiter" (Krämer, S. 129).

Am 21. Juni wurden die Arbeitsnormen auf den Stand vor dem 1.4.1953 zurückgenommen und die Lohnkürzungen rückgängig gemacht. Im Oktober 1953 senkte die Regierung die Preise fast aller Waren in den HO(Handels Organisation)-Läden um 10 bis 25 Prozent. Und Ende 1954 reduzierten die UdSSR die Kosten für die sowjetische Besatzung, die von den Deutschen selber aufgebracht werden mussten, auf 5 Prozent des Staatshaushaltes. Dazu wurden noch die Sowjetischen Aktiengesellschaften (inklusive der wichtigen Leuna-Werke, aber ohne die uranfördernde Wismut AG) für 2,55 Milliarden Mark an die DDR verkauft. Dank diesen Massnahmen verbesserte sich die Lebenslage der DDR Bevölkerung, doch trotzdem flüchteten weiterhin Tausende in den Westen. 1953 flüchteten 331'000 Menschen, 1954 waren es 184'000 und 1955 immer noch 252'000 (Weber, S. 39).

Der Westen (allen voran Frankreich, Grossbritannien und die USA) reagierte auf die Vorkommnisse des 17. Juni sehr zurückhaltend, da er die UdSSR auf keinen Fall provozieren wollte. Auch war man nicht vorbereitet. Josef Strauss, damaliger stellvertretender Vorsitzender der CSU, in seiner Autobiographie (Strauss, S. 204): "Wir hatten zwar Informationen, dass die Unzufriedenheit unter den Menschen drüben von Tag zu Tag stieg, dennoch wurden wir von dem plötzlichen Ausbruch der Unruhen und dem demonstrativen Freiheitswille überrascht." Auch nach dem Aufstand hielt sich die Bundesregierung in ihren Stellungnahmen und ihren Aufforderungen bewusst zurück. Interventionen des Westens gegen die Politik der Verfolgung und Vergeltung der SED nach dem Juni-Aufstand blieben aus, weshalb diese westliche Zurückhaltung später Gegenstand von heftiger Kritik wurde. 


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