1. Die Vorgeschichte des Volksaufstandes

1.1 Der "Aufbau des Sozialismus"

Zentrale Bedeutung in der Geschichte des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 hatte die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), der als Generalsekretär bzw. Erster Sekretär Walter Ulbricht vorstand. Schon seit ihrer Gründung 1946 und spätestens seit der Gründung der DDR im Jahre 1949 beherrschte sie als mitgliederstärkste Partei sowohl die Politik in der DDR wie auch alle staatlichen Institutionen und prägte die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen.

Die erste Schritt der Partei, der in direkter Beziehung zum Aufstand vom Juni 1953 führte, war im Juli 1952 die II. Parteikonferenz und die Beschlüsse, die an diesem gefasst wurden. Die Rede war vom Aufbau des Sozialismus - und zwar ganz getreu dem sowjetischen Vorbild. Bauern mit mehr als 100 ha Grundbesitz wurden enteignet, die gesamte Industrie und schliesslich die ganze Gesellschaft verstaatlicht, die Planwirtschaft eingeführt. Doch was in der Folge zum Aufstand führte, war die angestrebte "Erhöhung der Produktivität", welche angeblich "die wichtigste Voraussetzung für die gesellschaftliche Entwicklung" war. So wurden ohne Rücksicht auf die Arbeiter die Normen um 10% erhöht, was den Hauptgrund für die Misere bildete. Diese Veränderungen führten schon anfangs 1953 zu Auseinandersetzungen mit der Arbeiterschaft, wobei es in wenigen Fällen zu Streiks, Demonstrationen und gewalttätigen Uebergriffen auf Funktionäre der SED oder des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) kam.


1.2 Der "Neue Kurs"

Der Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin am 5. März 1953 führte aber in der DDR im Verlauf des gesamten Jahres, wie in ihrem Vorbild der UdSSR, zu tiefgreifenden Reformen, welche unter anderem die Einstellung der Zwangskollektivierung, die Förderung der Privatunternehmer und die Wahrung der Rechtsstaatlichkeit mit sich brachten. Diese von der SED-Führung zwangsweise aufgenommene Richtung sollte fortan als der "Neue Kurs" bekannt sein. Dieser neue Kurs kam aber zu spät, um die Krise zu überwinden, in der sich die Arbeiterschaft befand, und hatte überhaupt mehrheitlich beschleunigenden Einfluss auf diese. Die SED-Führung packte zwar nach kurzen Diskussionen den neuen Kurs fest an; Plakate und Transparente, die vom "Aufbau des Sozialismus" und den Beschlüssen der II. Parteikonferenz handelten, wurden entfernt, der Neue Kurs in extremer Weise propagiert. Finanziert wurde dieser Neue Kurs aber, der einige Zugeständnisse beinhaltete, von der weiterhin existierenden Normerhöhung für die Arbeiter. Diese Tatsache und wohl auch die zaghafte Selbstkritik der Regierung, früher einige Fehler gemacht zu haben, führten endgültig zum Arbeiteraufstand.


1.3 Der Protest am 16. Juni 1953

Am 16. Juni erschien im Organ des FDGB-Vorstandes ein Artikel ihres Sekretärs Otto Lehman, in dem er sich über Bedenken zur Normerhöhung äusserte. Darin war zu lesen, dass die Erhöhung "im vollen Umfang richtig" war und dass es galt, "die Erhöhung der Arbeitsnormen um durchschnittlich 10% bis zum 30. Juni 1953 mit aller Kraft durchzuführen". Dazu ist anzumerken, dass der FDGB nicht im Sinne einer echten Gewerkschaft die Arbeiterschaft und deren Interessen vertrat, sondern lediglich ein weiterer Erfüllungsgehilfe der SED war. Diese im Grunde arbeiterfeindlichen Worte steigerten, besonders weil sie aus der Feder eines Gewerkschaftsfunktionärs stammten, die Verbitterung und Enttäuschung der Ostberliner Arbeiter und bestärkten sie in ihrer Absicht, gegen die Normerhöhung zu protestieren. So starteten einige hundert Bauarbeiter im Viertel Friedrichshain eine spontane Demonstration, der sich immer mehr Bauangestellte, besonders der Stalinallee, der Vorzeigestrasse der DDR, anschlossen. Schon bald hatte sich ein grosser Demonstrationszug gebildet, der in Richtung des FDGB-Vorstandes marschierte. Da dieses aber leer aufgefunden wurde, beschlossen die Demonstranten, ihre Forderung gleich dem Ministerpräsidenten Otto Grotewohl vorzutragen und zogen deshalb zum sogenannten Haus der Ministerien. Als sie dort ankamen, war ihre Zahl mittlerweile auf etwa 10'000 angestiegen. Der Minister für Schwerindustrie, Fritz Selbmann, versuchte einige Worte an die Streikenden zu richten, wurde aber von ihnen niedergeschrieen.

Inzwischen hatte die SED-Bezirksleitung dem tagenden Politbüro den Vorschlag zukommen lassen, aufgrund dieser extremen Situation die Normerhöhung rückgängig zu machen. Sie hofften, dem Streik durch diesen Akt deutlichen Entgegenkommens Einhalt gebieten zu können. Die SED-Parteiführung teilte diese Meinung und willigte auf die Forderung der Demonstranten ein. Als dies ihnen mitgeteilt wurde, forderten die Arbeiter das Erscheinen Grotewohls und Ulbrichts. Dann erhoben spontane Redner aus den Reihen der Arbeiter neue wirtschaftliche Forderungen wie Preissenkungen, aber vor allem auch politische, so z.B. den Rücktritt der Regierung und die Abhaltung freier Wahlen. Mit Sprüchen wie "Spitzbart, Bauch und Brille, sind nicht des Volkes Wille!" machten die Arbeiter aus ihrem eigenen ursprünglich kleinen Aufstand langsam eine Bewegung des ganzen ostdeutschen Volkes. Mit "Spitzbart, Bauch und Brille" waren Ulbricht, Wilhelm Pieck (der Präsident der DDR) und Grotewohl gemeint.

Bei der allmählichen Auflösung der Demonstration gelang es den Streikenden noch, einen Lautsprecherwagen der SED gewaltsam in Besitz zu nehmen, mit welchem sie die Bevölkerung Ostberlins zu einem Generalstreik am folgenden Tag, dem 17. Juni 1953, aufriefen. Dieser Aufruf erreichte bis zum späten Nachmittag grosse Teile der Bevölkerung. Zudem wurde dem Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) eine Resolution überbracht, in der die folgenden Forderungen lesen waren: Die Auszahlung der Löhne nach den alten Normen schon bei der nächsten Lohnzahlung, die sofortige Senkung der Lebenshaltungskosten, freie und geheime Wahlen und keine Massregelung der Streikenden und der Sprecher. Diese Resolution wurde vom RIAS am 16. Juni noch einige Male ausgestrahlt.

Die SED ihrerseits war vom Aufstand wenig beeindruckt. So wurde sie in einer Rede Grotewohls am Nachmittag des 16. Junis mit keinem Wort erwähnt. Doch schon damals zeichnete sich ab, dass etwas Grösseres am nächsten Tage geschehen würde; und so darf man den 16. Juni als letztes Kapitel des grossen Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 bezeichnen. 


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